Recklinghausen-Suderwich. Der Krieg im Nahen Osten wirkt sich auch auf Deutschland aus. Das Öl wird knapper, die Preise steigen stetig. Das hat Folgen für die Kunststoff-Recyclingindustrie, denn die braucht immense Mengen für die Verarbeitung. Während die Europäische Union ab 2030 weitere Mindestrezyklatquoten für verschiedene Produktgruppen einführen will, gehen gleichzeitig Recyclingkapazitäten verloren. In einer Serie wollen wir ab heute versuchen, in mehreren Folgen hinter diese Problematik zu schauen.
Die Verbände der Kunststoffindustrie und der Recyclingwirtschaft warnten im vergangenen Mai in einem Brandbrief vor einem tiefgreifenden Strukturbruch und fordern von der EU-Politik entschlossenes Handeln. In ihrem gemeinsamen Brief an Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und weitere Spitzenvertreter der EU haben 28 Branchenverbände und Unternehmen deshalb sechs strategische Empfehlungen für eine robustere und wettbewerbsfähige Kunststoff-Wertschöpfungskette vorgelegt.
Die Unterzeichner – darunter europäische Verbände und nationale Branchenorganisationen – sprechen von einem „entscheidenden Moment“ für die Zukunft der Kunststoffwirtschaft in Europa. Ohne schnelle Eingriffe drohten weitere Produktionsrückgänge, Insolvenzen und ein Verlust von Arbeitsplätzen. Jahrzehntelange Investitionen in Innovation und Kreislaufwirtschaft stünden auf dem Spiel, heißt es.
Produktion sinkt dramatisch
Die Lage ist dramatisch: Zwischen 2018 und 2022 schrumpfte nach Angaben der Branchenverbände die Kunststoffproduktion in Europa um 13,3 Prozent, 2023 folgte ein weiteres Minus von 8,3 Prozent. Damit droht die Produktion bald auf das Niveau des Jahres 2000 zurückzufallen, während der Verbrauch von Polymeren weiter steigt. Parallel zum Produktionsrückgang gerät auch das Recycling unter Druck. Seit Anfang 2023 gingen nach Branchenangaben fast eine Million Tonnen Recyclingkapazität durch Werksschließungen verloren.
Die Ursachen
Als Hauptursachen nennt die Branche massiv gestiegene Energiekosten, rechtliche Unsicherheit, Zersplitterung von Vorschriften und zunehmenden Wettbewerbsdruck durch günstige Importe. Hinzu kommt ein hoher Verwaltungsaufwand bei Genehmigungen und Nachweisen. „Der drohende Verlust von Standorten ist längst keine abstrakte Gefahr mehr, sondern bereits Realität“, so die Organisationen. Jüngste Stilllegungen bei Vynova, Grupo Antolin und Veolia verdeutlichen die Tragweite.
Neue Verordnung kommt
In wenigen Monaten, am 12. August 2026, steht die Kunststoff-Branche in Europa vor einer rigorosen Umwälzung: An dem Tag greift die am 11. Februar 2025 in Kraft getretene neue Verordnung der Europäischen Union (EU) für Verpackungen und Verpackungsabfälle). Diese Verordnung soll den Verpackungsverbrauch reduzieren, Recyclingfähigkeit verbessern und Kreislaufwirtschaft fördern, inklusive Mindestquoten für Rezyklate: Ab 1. Januar 2030 sind es 30 Prozent bei kontaktempfindlichen Verpackungen mit PET als Hauptbestandteil, ab 2040 in derselben Kategorie gar 50 Prozent.
Einweggetränkeflaschen aus Kunststoff müssen ab 2030 einen Anteil von 30 Prozent Rezyklaten (aufweisen, ab 2040 sogar 65 Prozent. Nach dem Willen der EU soll die PPWR die Nachfrage nach Rezyklat als Sekundärrohstoff (lies bitte unten) steigern - und so den Bedarf an fossilen Rohstoffen verringern, Treibhausgas-Emissionen minimieren sowie Kreislauffähigkeit von Kunststoffen verbessern.
Was ist ein Rezyklat?
In einer zunehmend nachhaltig ausgerichteten Welt spielen Recycling und die Wiederverwendung von Materialien eine Schlüsselrolle. Kunststoff-Rezyklate bieten dabei eine nachhaltige Alternative zu Neuwaren. Im Bereich der Kunststoffe handelt es sich bei Rezyklat um wiederverwertetes Material wie PE (Polyethylen), PP (Polypropylen) oder PET (Polyethylenterephthalat), das bereits von Haushalten oder Gewerbetreibenden einmal entsorgt wurde und nun erneut für die Herstellung neuer Produkte verwendet wird.
Kunststoffe sind überall
Kunststoff ist omnipräsent - von Badezimmer bis Backpapier, von Kleidung über Computer bis Kosmetika, nicht zu vergessen der Elektronik- und Mobilitätssektor. Weltweit werden jährlich etwa 431 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, davon mehr als ein Drittel in China, 55 Millionen Tonnen in Europa und 13 Millionen Tonnen in Deutschland. Die Abfall-Folgen: Kunststoffpartikel selbst auf dem Himalaya und mehr als 150 Millionen Tonnen Plastikmüll landen in den Meeren.
Diese Serie wird fortgesetzt.
Quelle (https://www.dbu.de/news/dbu-mehr-kunststoff-recycling-sichert-klimaschutz-und-wirtschaftsstandort/
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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