Recklinghausen-Suderwich. Das Zauberwort im Online-Handel heißt: „buy now, pay later“. Dahinter steckt nicht der Online-Handel. Vielmehr machen hier die Zahlungsdienstleister Kasse und versprechen eine unbeschwerte Kauf- und Zahlungserfahrung.
Warum mit dem Einkauf warten bis der Kaufpreis zusammengespart ist? Nicht selten, so meint Wolfgang Wegener, unser SBW-Berater in finanziellen Fragen, kann das auf Dauer und bei wiederholtem Kauf auf Pump in die Verschuldung führen. Ärgerlich ist, dass Klarna, Paypal und Co. besonders für junge Kunden zu einer Gefahr werden. Fast jeder zweite Kunde zwischen 18 und 25 Jahren hat schon online-Käufe auf Raten gemacht.
Wenn du herkömmlich im Online-Shop bestellst, kannst du oft nicht auf Rechnung kaufen. Eine mögliche Zahlungsform ist die des SEPA-Lastschrifteinzugs. Dazu musst du dem Shop deine Bankdaten nennen.
Nutzt du eine Zahlung über einen Zahlungsdienstleister, so hinterlegst du deine IBAN dort nur einmal. Klarna, Paypal oder Amazon Pay erledigen dann den Zahlungsvorgang – entweder per Lastschrift von deinem Konto oder durch Belastung der von dir hinterlegten Kreditkarte.
Neben diesen Formen der Direktzahlung bieten viele Zahlstellen das „buy now, pay later“ (BNPL) an. Zumeist belastet man dann dein Konto / deine Kreditkarte erst 30 Tage nach dem Kaufabschluss. Der Verkäufer erhält sein Geld aber sofort von Klarna & Co.
Diese „Kreditierung“ ist für dich kostenfrei. Manche Anbieter ermöglichen es, den Zahlungsaufschub bis zu zweimal zu verlängern oder die Schuld in Raten abzutragen. Dann jedoch kostet es – und das nicht zu knapp!
Wie kann der Zahlungsdienstleister dir 30 Tage Vorschuss gewähren? Der Online-Händler zahlt ihm dafür eine Vergütung. Lohnt sich das für den Händler? Oh ja. Untersuchungen der Goethe-Unversität Frankfurt am Main ergaben, dass die Umsätze im Online-Handel um bis zu 20 % höher ausfielen, wenn der Händler eine BNPL-Methode anbot. Die Kunden kauften so auch häufiger und mehr.
Für dich als Kunde kann die Zahlungsstreckung vorteilhaft sein, wenn deine flüssigen Mittel gerade ausgereizt sind, du aber ein günstiges Angebot jetzt sofort wahrnehmen möchtest. Die 30-Tage-Lösung kostet dich nichts – die Überziehung deines Bankkontos ist teuer.
Also ein günstiges Angebot?
Nur dann, wenn du sicher sein darfst, dass du in 30 Tagen die nötigen Geldmittel für die Belastung durch paypal hast. Die Gefahr liegt darin, bei solchen Geschäften den Überblick zu verlieren, besonders, wenn man sie in kurzen Abständen mehrfach tätigt.
Zudem verleiten solche Einkäufe auf Pump nach Erkenntnissen von Beobachtern zu Impulskäufen und unüberlegtem Konsum. Das Risiko, in eine Schuldenfalle zu rutschen steigt deutlich. Wenn deine Zahlungsfähigkeit dann nur noch zulasten deines Kontolimits oder durch Umschuldung in Kredit hergestellt werden kann, wird es teuer. „Genehmigte Kontoüberziehungen“ (Girokontokredite) kosten nichts selten 12 %., „Geduldete Kontoüberziehungen“ (über das eingeräumte Limit hinaus) oft 15-17 % p.a. Wird deine Kreditkarte nicht vereinbarungsgemäß ausgeglichen, kann es noch mehr kosten.
Wie kontrolliert der Zahlungsdienstleister sein Ausfallrisiko?
Während du dich für eine Zahlungsform entscheidest („fällig in 30 Tagen“ oder „auf Rechnung“ oder „per Lastschrift“ etc.), läuft im Hintergrund eine Prüfung deiner Kreditwürdigkeit. Eine Online-Anfrage bei der Schufa, bei infoscore, bei Creditreform und anderen Auskunfteien liefert in Sekundenbruchteilen die Entscheidung.
Die Auskunfteien übrigens registrieren dabei dein Kaufverhalten und verfeinern damit den für dich laufend errechneten „Score-Wert“. Je höher der ausfällt, desto kreditwürdiger bist du.
Selbst Minderjährige könnten das BNPL-Verfahren nutzen – obwohl ein Geschäft mit ihnen ja gar nicht wirksam abzuschließen ist. Wenn sie aber die Kreditkartennummer von Papa oder Mama eingeben oder deren IBAN, so fällt die Geschäftsunfähigkeit kaum auf.
Zwar könnten die Eltern solche Geschäfte wegen Unwirksamkeit widerrufen, müssen sich aber unter Umständen vorhalten lassen, dass sie den Zugriff des Filius auf Kreditkarte oder IBAN nicht verhindert haben. Dann könnten Gerichte von einer Anscheinsvollmacht ausgehen. So im Fall eines Vaters, dessen hoffnungsvoller siebenjähriger Nachwuchs durch wildes online-Shoppen die Kreditkarte seines Erzeuges mit 33.000 Euro belastet hatte.
Warum nun sind Jugendliche besonders gefährdet, durch BNPL-Käufe in die Schuldenfalle zu kommen?
Jugendliche sind besonders digital-affin. Ihre Finanzbildung sei oft nicht so ausgeprägt, dass viele von ihnen gar nicht ganz genau wüssten, wie heikel die BNPL-Funktion sei, so Benjamin Räther von der Verbraucherzentrale Berlin. Besonders viele kleine Kaufbeträge können dazu führen, dass ein Überblick verloren geht. Großer Ärger kann die Folge sein.
Und dann noch die „Finfluencer“. Die geben über ihre Social-Media-Kanäle „gute Ratschläge“ oder gaukeln vor, in kurzer Zeit das große Geld gemacht zu haben. Auf die Gefahren wird nicht hingewiesen, so Untersuchungen von tagesschau.de.
Die Schuldnerberatung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat beobachtet, dass auf Social Media sogar damit geprahlt werde, wer die höchsten Schulden bei Klarna hat. Das sei nichts, was langfristig cool sei, sondern im Gegenteil ein Verhalten, das eher zu Problemen führe, so Oliver Salmen von der Awo Spandau.
Eltern sind in der Pflicht, ihre Kinder schon frühzeitig im Umgang mit Geld zu schulen und auf Gefahren einer unüberlegten Verschuldung hinzuweisen. Wünschenswert ist es auch, so Wegener, in den weiterführenden Schulen eine solide „Finanz- und Wirtschaftskompetenz“ zum Thema im Unterricht zu machen.
(Quellen: Verbraucherzentrale, tagesschau24.de, rbb24.de)
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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