Recklinghausen-Suderwich. In dieser Serie erschienen folgende Beiträge: Grundsätzliche Betrachtung zur Ernährungssicherheit; Bäume als Wasserspeicher und klimaresistente Ackerböden.Heute möchte unser Autor ein Bewusstsein für die Gefährdung des Bestandes wichtiger, alltäglicher landwirtschaftlicher Erzeugnisse wecken.
Die Wissenschaft ist sich einig, dass der Klimawandel schon jetzt nachteilig auf Ernteerträge und Ernährungssicherheit wirkt – auch wenn das nicht alle Nutzpflanzen in gleichem Maße betrifft. Die University of Minnesota ermittelte 2019 z.B., dass die Erträge bei Reis und Weizen zurückgehen, die bei Sorghum-Hirse jedoch nicht. Da hat der Ertrag sogar zugenommen. Warum? Die kommen besser mit Trockenheit zurecht.
Neben Entwicklungsstörung durch Trockenheit entstehen Lagerschäden durch Insekten und Schimmelpilze. So kommt nicht nur weniger bei uns Verbrauchern an, wir müssen auch eine geringere Qualität der Lebensmittel befürchten. Mangelernährung trifft besonders Kinder hart, wenn Nährstoffe und Güte abnehmen.
Höhere Temperaturen und mehr CO2 in der Luft haben einen Mindergehalt an Nährstoffen zur Folge, z.B. bezogen auf Eisen, Zink und Eiweiß in Soja, Weizen und Reis. Das ist ein großes Problem besonders in Ländern mit geringerer Nahrungsmittelvielfalt. Viele Menschen dort sind auf ein oder zwei Grundnahrungsmittel beschränkt.
Und dazu der Kostenfaktor: geringeres Angebot hat höhere Preise zur Folge. Für Menschen mit geringem Einkommen sind schon jetzt qualitativ hochwertige Lebensmittel kaum erschwinglich.
Hier einige Beispiele zu in Erntemenge und Güte bedrohten Nutzpflanzen:
(1) Mais
Geringe und nicht regelmäßige Niederschläge wirken sich bei Mais sehr nachteilig aus. Fachleute gehen davon aus, dass in deren Folge die Erträge bis 2050 deutlich abnehmen. Dabei gehört Mais weltweit zu den Pflanzen, die die meisten Kalorien liefern. Die großen Anbaugebiete, wie z.B. Brasilien und die USA, werden den Ertragsverlust erleben. In manchen Gegenden Afrikas wird der Ernterückgang verheerende Folgen zeigen.
(2) Weizen
Auch diese Nutzpflanze leidet unter zunehmender Trockenheit und Hitze. Die Folge ist ein deutlicher Ernterückgang, z.B. in Afrika und Mittelamerika. Die indischen Bauern werden das besonders spüren. Dort wird derzeit noch ein Siebtel des weltweit geernteten Weizen produziert.
Anders eventuell der Verlauf in nördlichen Regionen. Sofern in diesen kühleren Gebieten genug Niederschlag fällt, könnten Europa und Nordamerika ca. 5 % mehr Weizen ernten.
(3) Reis
Für fast jeden dritten Menschen auf unserer Erde ist Reis ein wichtiger und unverzichtbarer Kalorienlieferant. Steigt die Durchschnittstemperatur um 1,5 Grad im Verhältnis zur vorindustriellen Zeit – und da sind wir schon fast – dann dürften die Reiserträge um mehr als 5,5% sinken. Befürchtet wird ein Rückgang bis 2050 um 11%.
Problem sind nicht nur Hitze und Trockenheit – Reis benötigt besonders viel Wasser für seine Entwicklung – sondern auch der steigende Meeresspiegel. Felder in Küstennähe sind besonders gefährdet. Steigendes Meerwasser überschwemmt das trockene Land mit Salzwasser und macht es so unbrauchbar.
In Bangladesch hat das und Hitze sowie wenig Regen in der Vegetationsperiode dazu geführt, dass fast 170.000 Hektar Land für den Reisanbau verloren sind. Besonders stark beeinträchtigt sind die Reisbauern in China, Indien, Vietnam. Auch in Nigeria – dem größten Reisproduzenten Afrikas – wird man den Verlust deutlich spüren.
(4) Soja
Soja wird mehr und mehr angebaut und gilt als preiswertes Futtermittel. So wächst der Soja-Anbau z.B. in Südamerika stark. Die Sojaprodukte werden von dort nach China exportiert, vor allem als Tierfutter. Die Chinesen haben im Zuge zunehmenden Wohlstands einen großen Nachholbedarf beim Fleisch-Konsum.
Der Nachteil: Im Amazonasgebiet – der „Lunge der Welt“ – werden große Urwaldflächen gerodet, um Land für den Soja-Anbau zu gewinnen. Das mag für uns in Deutschland weit weg sein. Aber der Verlust an Regenwald – vielfach durch Brandrodung mit entsprechenden Folgen durch steigende CO2-Emission – hat globale Auswirkung. Allein der Amazonas-Regenwald schluckt etwa zwei Milliarden Tonnen CO2 im Jahr. Wird Regenwald abgeholzt oder abgebrannt, entweicht der gespeicherte Kohlenstoff wieder. Mit enormen Folgen. Die Rodung tropischer Regenwälder macht 8 bis 11% des weltweiten CO2-Ausstoßes aus. Das ist etwa dreimal so viel wie der von allen Flugzeuge der Welt.
Andererseits gibt es Aussagen von Wissenschaftlern, dass Sojapflanzen durchaus positiv auf höhere CO2-Konzentrationen in der Luft reagieren.
Der weltweite Ernteertrag bei Soja könnte auch zunehmen, wenn Bauern von Weizenanbau auf Soja umsteigen. Doch selbst dann erwartet Fachleute im Verlauf dieses Jahrhunderts letztlich sinkende Erträge. Auch hier der Grund „Hitze und Wassermangel“.
(5) Kartoffeln
Für viele Menschen auf der Welt sind sie Grundnahrungsmittel. Ihre Vorteile: kein Fett, aber viele wichtige Nährstoffe, die Vitamine C, B1 und B6, Kalium, Kupfer, Mangan, Phosphor, Niacin, Ballaststoffe und Pantothensäure.
Aber: Kartoffeln benötigen für ihr Wachstum durchgehend Wasser. Ein Problem bei zunehmender Trockenheit und zurückgehenden Niederschlägen. Dazu kommt in manchen Gebieten das Aufkommen von Schädlingen, die eine ganze Ernte zunichtemachen können.
Ohne Züchtung neuer Sorten wird es nicht möglich sein, den Bedarf an Kartoffeln aufrecht zu halten. Ansonsten rechnet man bei wachsender Weltbevölkerung mit einen Ernterückgang von bis zu 9%.
(6) Bananen
Die bei uns gewohnte „süße“ und die anderswo viel genutzte Koch-Banane werden in den Tropen sowohl für den weltweiten Export wie auch für notwendige lokale Verwendung angebaut.
Wegen gestiegener Temperaturen ist die Ernte von Kochbananen in den letzten 20 Jahren um mehr als 40% zurückgegangen. Viel genutzte Sorten sind zudem von Krankheiten bedroht, deren Ausbreitung von wärmerem Wetter begünstigt wird.
Andererseits könnte es auch sein, dass die erwarteten Veränderungen im Wetter bis 2070 zu mehr Anbau von Bananen und Kochbananen führen werden.
(7) Kakao
Côte d'Ivoire (ehemals unter dem Namen „Elfenbeinküste“ geführt) und Ghana, beide in Westafrika gelegen, liefern die Hälfte der weltweiten Kakaoproduktion. Doch die Region leidet bereits jetzt unter heißen Winden und unregelmäßigen Regenfällen.
Kakaobohnen wollen konstante Temperaturen, hohe Luftfeuchtigkeit und regelmäßige Niederschläge. Steigt die Temperatur, müssen die Bauern Anpflanzungen in höheren Lagen vornehmen. Da gibt es jedoch weniger Anbaufläche. Und wenn zu deren Vergrößerung Bäume abgeholzt werden, führt das wiederum zu steigenden Temperaturen. Ein Teufelskreis.
Und dabei steigt die Nachfrage nach Kakao beständig – was zu höheren Preisen führt, ohne dass das den Kakao-Bauern spürbar zugutekommt. Derzeit profitiert nur der Handel davon. (Selbst bei den Discountern hat sich der Preis für Schokolade in den letzten drei Jahren verdoppelt!)
(8) Kaffee
Vom Kaffee leben viele Kleinbauern. Besonders stark im Handel sind die Sorten Arabica (57,5% Anteil am Kaffeekonsum) und Robusta (42,5%). Gerade die wachsen nur im „Kaffeegürtel“, eine Region rund um die Welt entlang des Äquators. Kaffeepflanzen brauchen ein stabiles tropisches Klima.
Die Agrarökonomin Sophie von Loeben berichtete in ZDF-heute: „Anhand von Kaffee lassen sich so gut wie an kaum einer anderen Nutzpflanze die Folgen des Klimawandels für die Landwirtschaft im globalen Süden erzählen - und warum wir Anpassungen brauchen.“
Starkregen, Dürren und Schädlingsbefall nehmen zu. Es kommt zu Ernteausfällen bei den dominierenden Kaffee-Arten "Arabica" und "Robusta".
Bis 2050 droht durch Klimawandel die Hälfte der Region für den Anbau wegzubrechen. Der größte Kaffeeproduzent Afrikas ist übrigens Äthiopien. Das Land könnte bis 2030 ein Viertel seiner Kaffeeerträge verlieren.
Wenn wir – die wir es uns sicher noch eine lange Zeit leisten können – eine Tasse Kaffee trinken, dann bedeutet das,
Und – ohne dir den Genuss vermiesen zu wollen – muss aber auch gesagt sein: Das Einkommen der Bäuerinnen und Bauern, die auf den rund 12,5 Mio. Kaffee-Farmen arbeiten, liegt in acht der zehn wichtigsten Anbauländer an oder unterhalb der Armutsgrenze. (Nur 5% des in Deutschland getrunkenen Kaffees trägt das Fairtrade-Siegel! Wir wollen es eben preiswert). In Uganda schaffen 1,8 Millionen Menschen im Kaffee-Anbau, ihre Lebensgrundlage. Und die ist massiv bedroht.
Eine Lösung wäre der Umstieg auf die Kaffeesorte "Liberica". (Eine von über 130 bekannten wilden Kaffee-Arten.) Sie ist offenbar stärker resistent gegen Wetterextreme. Ihr Nachteil: sie trifft nicht den Geschmack der Europäer.
Und dazu wachsen ihre Früchte in den Wipfeln hoher Bäume. Das Ernten ist nur von einer hohen Leiter aus möglich. Das bedeutet große Unfallgefahr. Anders bei Arabica und Robusta. Die erntet man von 1 bis 2 Meter hohen Büschen. Und das mit geringeren Kosten.
Soweit heute zu bedrohten, zu unserem Konsumalltag zählenden weltweit angebauten Nutzpflanzen. In der nächsten Woche beschäftigt sich der Autor u.a. mit „Zukunftsspeisen“, die Thema bei der Universität Halle sind.
(Quelle: DLF, ZDF, Aktion gegen den Hunger gGmbH)
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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