Recklinghausen-Suderwich. 81 Prozent der Haushalte fühlen sich zum Thema dynamische Stromtarife nicht gut informiert. Mehr als die Hälfte kennt sich da gar nicht aus. Der Autor dieses Beitrags gehört zu dieser Hälfte; deshalb sein Antrieb, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Dynamische Tarife werden inzwischen von vielen Stromlieferanten angeboten.
Bei diesen Tarifen ist der Preis nicht fest für mehrere Monate vereinbart. Er ändert sich oft stündlich und vollzieht die Preise an der Strombörse nach.
(1) Das Wesentliche vorab
(2) Was sind dynamische Stromtarife?
Normalerweise zahlst du einen Grundpreis (je Monat oder Jahr) und einen Verbrauchspreis in Cent je genutzter Kilowattstunde, den du variabel oder für eine bestimmte Zeit (6, 12, 24 Monate) fest vereinbaren kannst.
Beim dynamischen Tarif schwankt der Arbeitspreis täglich und stündlich. Er ist an den Preis des Strom-Großmarktes gekoppelt. Am „EPEX Spot Markt“ werden die Preise gehandelt kurz bevor der Strom benötigt wird. Dynamische Tarife sind meist am „Day-Ahead-Markt“ orientiert, einer Unterform der Strom-Börse. Dort wird heute der Preis für Strom gebildet, der morgen verkauft wird.
Viele Stromanbieter nennen die Preise des nächsten Tages zum Mittag des Vortages auf ihrer Internetseite. Die oben schone erwähnten „variablen Tarife“ ändern sich meist monatlich.
(3) Wo findest du die dynamischen Tarife?
Einige werden in den klassischen Vergleichsportalen aufgeführt. Dort findest du jedoch nur den Einstieg in die Angebote. An dieser Stelle sind die genannten Preise zu hinterfragen. Sie ändern sich im Vergleichsportal nach einem Monat. Auch fehlt die Angabe der Gebühr des Anbieters. Meist ist zudem nicht erkennbar, ob es tatsächlich dynamische Tarife mit stündlicher Preisänderung sind. Es können solche sein, die nur monatlich an die Börsenpreisentwicklung angepasst werden. Deshalb musst du nach der Vorauswahl im Vergleichsportal auf der Internetseite des Anbieters nachsehen.
Das Ranking im Vergleichsportal ist auch nur bedingt aussagekräftig.
(4) Warum schwankt der Strompreis?
Das liegt an dem immer größer werdenden Stromangebot aus Sonne und Wind. Dieses Angebot lässt sich nicht so einfach steuern wie die Stromerzeugung aus Köhle, Öl und Gas. Bisher profitieren Verbraucher also von der kostengünstigen regenerativen Stromerzeugung kaum. Selbst wenn tagesaktuell bei hohem Stromangebot aus erneuerbaren Quellen die PKW-Batterie aufgeladen wird oder Waschmaschine und Trockner laufen – im Normaltarif macht das keinen Preisunterschied.
Anders im dynamischen Tarif. Hier wirst du bei flexiblem Verbrauchsverhalten günstiger beliefert und leistest so auch einen Beitrag zur Energiewende.
(5) Wer kann den dynamischen Tarif sinnvoll nutzen?
Vor allem Haushalte mit Wärmepumpe, Batteriespeicher, E-Auto! Der dynamische Tarif belohnt dich, wenn du deinen Stromverbrauch in die Tageszeit von niedrigen Preisen verlagerst. Das lohnt sich besonders, wenn du damit zu einer optimalen Auslastung des Gesamtstromnetzes beiträgst. So sparst du bei günstigen Börsenpreisen. Andererseits machst du auch Preisschwankungen nach oben mit, die bei herkömmlichen Tarifen dein Versorger tragen muss.
Den dynamischen Tarif kannst du nur nutzen, wenn du ein intelligentes Messsystem installiert hast. Das ist ein Stromzähler, der Daten senden und empfangen kann. Der Stromverbrauch wird damit in Intervallen von 15 Minuten gemessen und an den Betreiber der Messstelle übertragen.
(6) Wie funktioniert das dynamische Preissystem?
Der Gesamtpreis im dynamischen Tarif besteht aus einem festen monatlichen Grundbetrag und einem dynamischen Arbeitspreis. Für viele Stromanbieter ist der Grundbetrag das hautsächliche Geschäftsergebnis.
Manche berechnen zusätzlich eine Gebühr, die auf den Arbeitspreis aufgeschlagen wird. Gerade auf diesen Aufschlag solltest du achten. Er fällt bei den Anbietern unterschiedlich aus.
Auch der Arbeitspreis setzt sich aus diversen Teilen zusammen. Nur der Anteil, der sich am Börsenverlauf orientiert, ist tatsächlich dynamisch. Alle anderen Preisbestandteile sind fix. Das sind zum Beispiel Netzentgelte, Umlagen, Abgaben, Steuern. Beim Anteil Netzentgelt können sich regionale und örtliche Unterschiede ergeben. Er macht den größten Anteil am Arbeitspreis aus. So variieren die Preise je nach Wohnort.
Der Börsenpreis für Strom kann negativ sein, z.B. bei einem Überangebot von Strom. Dann bekommt ein Stromhändler Geld dafür, dass er Strom abnimmt. Das bedeutet aber nicht, dass du in solchen Situationen eine Gutschrift erhältst. Dazu sind die fixen Bestandteile am Arbeitspreis zu hoch.
Wie läuft es an der Börse?
Das hat ja Auswirkungen für dich als Stromverbraucher:in. Morgens gegen 8 Uhr und abends gegen 18 Uhr sind die Preise häufig am höchsten. In dieser Zeit wird wenig oder kaum Strom über Photovoltaik erzeugt.
Mittags und nachmittags sowie nachts sind die Preise häufig niedriger. Windräder drehen sich auch nachts.
Am Wochenende sieht der Preisverlauf anders aus: Hier sind ebenfalls oft abends die Preise am höchsten. An sonnigen Tagen gibt es mittags ein Preistief. Ein ausgeprägtes Preishoch am Morgen, wie an Werktagen, gehört nicht zum typischen Preisverlauf. Am Wochenende sind die Börsenpreise durchschnittlich etwas niedriger.
Von diesen nachvollziehbaren Verbrauchsphasen können durchaus Abweichungen vorkommen; z.B. an Tagen mit viel Wind und Sonne. Dann ist das Angebot auch mittags hoch. Im Gegensatz dazu: Tage mit wenig Wind und Sonne.
Außerdem wirken sich hohe Gaspreise aus; denn Gaskraftwerke werden künftig den Ausgleich schaffen müssen, wenn weniger Energie aus regenerativen Quellen kommt.
Ein weiterer Faktor ist das Angebot an Strom, das aus dem Ausland kommt. Frankreich z.B. kann aufgrund seiner hohen Erzeugung von Atomstrom preiswert auch nach Deutschland liefern.
Wieviel die einzelnen Stromquellen zum „Day-Ahead-Markt“ beitragen kannst du beispielhaft auf der Seite der Bundesnetzagentur sehen: https://t1p.de/dd2ff.
(7) Wie wird abgerechnet?
Wie oben ausgeführt: Das „Smart Meter“ sendet viertelstündlich deine Verbrauchsdaten an den Betreiber der Messstelle. Dazu benötigst du also eine solche Messeinrichtung. Du meinst, du hast schon einen digitalen Stromzähler und nicht mehr den alten mit dem rotierenden Ring? Das muss aber nicht unbedingt ein Smart Meter sein. Der hat zusätzlich einen sogenannten „Gateway“, die Kommunikationseinheit für den Datenaustausch.
Ab 2025 kann jeder Haushalt den Einbau eines Smart Meters verlangen. Der Betreiber der Messstelle muss binnen vier Monaten installieren. Das kostet dann einmalig 30 €. Die jährlichen Kosten liegen für Haushalte bis 10.000 Kilowatt Stromverbrauch bei 20 € pro Jahr. Haushalte mit Wärmepumpe und E-Auto-Ladestation zahlen 50 € p.a.
Intelligente Messsysteme melden die Zählerstände monatlich an den Messstellenbetreiber. Dein Vertragspartner muss dir für jeden Monat eine Abrechnungsinformation zukommen lassen. Es wird konkret der Verbrauch bezahlt. Die monatlichen Abschläge, die du bisher kennst, sind bei intelligenten Messsystemen nicht erforderlich.
Die Verbraucherzentrale empfiehlt kurze Vertragslaufzeiten. Wenn du merkst, dass der Vertrag für dich nicht günstig ist, kannst du schneller in einen Festpreistarif wechseln.
Hier noch eine Anmerkung zu den „scheinbar dynamischen Tarifen“, bei denen sich der Preis nur monatlich in Abhängigkeit zum Börsenverlauf ändert. Dabei wird aus dem Preisverlauf des Vormonats an der Börse ein Durchschnittswert gebildet. Der ist dann Grundlage für den Arbeitspreis, der dir in Rechnung gestellt wird. Dieses Verträge motivieren nicht dazu, die eigene Stromlast entsprechend dem tagesaktuellen Angebot zu verlagern.
Hier wird auch weiter mit monatlichen Abschlägen gearbeitet und nur einmal jährlich eine Abrechnung erstellt.
„Variable Tarife“, also unterschiedliche Preise zu unterschiedlichen Tageszeiten, gibt es schon lange. Sie werden für Nachtspeicherheizungen und Wärmepumpen genutzt. Die Preise für die unterschiedlichen Ladezeiten stehen dabei von vorne herein fest.
(8) Hier die Checkliste der Verbraucherberatung
Das solltest du beachten, bevor du einen Vertrag mit dynamischem Tarif abschließt:
(Quelle: Verbraucherzentrale https://t1p.de/jkldk)
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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