Recklinghausen-Suderwich. Viel zu viel Zucker in Softdrinks! Das Thema bewegt Gesundheitsexperten seit Jahren. Zucker ist ein Haupttreiber von Fettleibigkeit, schon bei Kindern und Jugendlichen. Die gesundheitlich negativen Folgen für Betroffene sind das eine, die sich daraus ergebenden enormen Kosten für das Gesundheitswesen (die uns alle belasten!) sind das andere.
Weil die Getränkehersteller ihre Produkte immer noch mit zu viel Zucker verführerisch machen, plädieren die Verbraucherschutzminister von neuen Bundesländern für eine Zuckersteuer. Experten sehen Vorteile für Gesundheit und Volkswirtschaft. Bundesminister Özdemir ist pessimistisch.
Grundsätzliches
Süßer Geschmack – Limonaden, Eistee und andere Erfrischungsgetränke sind bei Kindern nicht nur als Getränke für unterwegs beliebt. Die Auswahl an Erfrischungsgetränken ist umfangreich. Darunter sind auch Getränkepackungen, die sich nach dem Öffnen nicht mehr verschließen lassen und deshalb rasch verzehrt werden.
Ein Marktcheck der Verbraucherzentrale im November 2022 hat gezeigt: Manches Getränk vom Kiosk oder aus dem Handel deckt bereits die maximal empfohlenen Zuckermenge pro Tag für Kinder und Jugendliche.
Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft warb im Rahmen der nationalen Reduktions- und Innovationsstrategie um die freiwillige Reduktion von Zucker in den Rezepturen der Hersteller. Die Verbraucherzentrale stellt dazu bei einer Untersuchungim Oktober 2023 fest:
„Vergleichen wir die Zuckermenge aus unserem aktuellen Marktcheck mit dem vorherigen aus 2019, nehmen nur wenige Hersteller den Appell zur Zuckerreduktion ernst. Einige Hersteller haben den Zuckeranteil sogar erhöht. Bleibt abzuwarten, wie weiterhin mit der Zuckerreduzierung umgegangen wird: Einerseits wünschen sich Verbraucher weniger Zucker. Andererseits fürchten die Hersteller um die geschmackliche Akzeptanz und damit einen Kundenverlust.“
Welche Zuckermenge wird empfohlen?
Nach Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) soll die verzehrte Zuckermenge pro Tag weniger als 10 % der täglichen Energie liefern. Das sind rund 50 bis 60 Gramm für Erwachsene und beispielsweise etwa 30 Gramm für ein 4- bis 6-jähriges Kind. Zu berücksichtigen sind zugesetzter Zucker und der in Honig, Sirupen, Fruchtsäften oder Fruchtsaftkonzentraten natürlich vorkommende Zucker. Besonders zuckerhaltige Getränke bringen eine hohe Energiezufuhr und können später zu erhöhtem Körpergewicht und größeren Krankheitsrisiken führen. Manche Getränke liefern (nach den Nährwertangaben der Hersteller) mehr als die Tagesmenge an Zucker für die Kleinen und teilweise auch mehr als die Hälfte der Menge für Erwachsene.
Verbraucherzentrale: „Erfrischungsgetränke sind nicht die einzige Produktgruppe, bei der auf den Zuckergehalt geachtet werden sollte. Wichtig ist dies z.B. auch bei Fruchtjoghurts, Cerealien, Müsli und Keksen. Eltern sollten besonders beim Griff zu den klassischen Kinderlebensmitteln die Nährwertangaben gründlich unter die Lupe nehmen.“
Was sagen die Gesundheitsexperten?
Ein Grund für eine Steuer auf Zucker in Getränken sei die Gesundheitsvorsorge, sagt Andrea Willgeroth. Sie ist zuständig für Ernährungsberatung und Präventionskurse bei der Innungskrankenkasse Brandenburg und Berlin (IKK BB). Denn zu viel Zucker erhöhe das Risiko für Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Zahnschäden, Fettstoffwechselstörungen, Fettleibigkeit und damit einhergehend Gelenkerkrankungen.
"Wir haben immer höhere Anteile an Erkrankten von Diabetes Typ 2, die Zahlen steigen von Jahr zu Jahr. Und auch die Ausgaben haben sich verzichtfacht im Laufe der Jahre", sagt Willgeroth.“ Die Ausgaben für Medikamente, Augen- und Nierenerkrankungen, Durchblutungsstörungen wie diabetischen Fuß seien enorm. „Das wird uns als Krankenkassen und als Gesellschaft irgendwann das Genick brechen.“ Die Zuckersteuer könne die Gesundheit der Menschen verbessern und Kosten sparen.
Forscher der Technischen Universität München haben errechnet, dass mit einer Abgabe von 20-30 % auf Softdrinks binnen 20 Jahren volkswirtschaftliche Einsparungen von bis zu 16 Milliarden Euro erreicht werden könnten.
Mit einer Abgabe auf gezuckerte Getränke würden weniger Behandlungen nötig. Kosten durch Krankheitstage, Arbeitsunfähigkeit und ähnliches sänken ebenfalls. "Durch eine Besteuerung würden unseren Modellen zufolge innerhalb der nächsten 20 Jahre bis zu 244.100 Menschen später oder gar nicht an Typ-2-Diabetes erkranken", sagt Forscher Karl Emmert-Fees.
Was sagt der Bundesernährungsminister?
Er selbst befürwortet eine „Zuckersteuer“, glaubt aber nicht an eine Einführung in dieser Legislaturperiode. Özdemir scheiterte mit seinen Vorschlägen bisher am Nein der FDP. So hatte der stellvertretende Vorsitzende der FDP, Wolfgang Kubicki, Vorstöße in diese Richtung als "politischen Aktionismus" bezeichnet. Der vom Bundestag einberufene Bürgerrat Ernährung lehnte den Vorschlag einer Zuckersteuer ebenfalls ab, er stimmte mit 51 Prozent dagegen.
Das Ministerium versuche jetzt zumindest, eine Reduzierung der speziell an Kinder gerichteten Werbung zu erreichen, die Produkte mit deutlich zu viel Zucker, Salz und Fett zum Inhalt hat. Dazu soll eine gesetzliche Regelung vorbereiten werden. Das mache es den Eltern dann auch einfacher beim Einkaufen, so Özdemir.
Und was sagt die Zuckerindustrie?
Hauptgeschäftsführer Günter Tissen vom Verein der Zuckerindustrie sagte, eine Zuckersteuer helfe nicht gegen Übergewicht. "Es geht nicht um einen Nährstoff, sondern die Kalorien, die sind entscheidend. Das sieht man auch an der Entwicklung der Übergewichtsrate in Mexiko." Die steige weiter, trotz Zuckersteuer. "Wir halten nichts von einer Strafsteuer auf Zucker, weil diese nicht hilft, weil sie bürokratisch ist und die Menschen gängelt", so der Tissen. Die Menschen bräuchten stattdessen eine ausgewogene Ernährung sowie genügend Bewegung. (Naja, meint der Autor dieses Beitrags, was sollen die auch sonst sagen?)
Erfahrung mit der Zuckersteuer in Großbritannien
Dort hat man 2018 eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt. Die Cambridge University hat ermittelt: seitdem hat sich die Fettleibigkeit bei zehn- und elfjährigen Mädchen um acht Prozent verringert, d.h., mehr als 5.200 Fälle von Übergewichtigen weniger pro Jahr in dieser Altersklasse.
Die Britten besteuern gestaffelt: Ab fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter sind umgerechnet 21 Cent pro Liter fällig, ab acht Gramm Zucker sind es 25 Cent. Experten sehen einen großen Anreiz für Getränkehersteller, den Zuckergehalt zu reduzieren, um die Steuer zu vermeiden.
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) plädiert für die Einführung einer gestaffelten Zuckersteuer nach britischem Vorbild auch in Deutschland.
(Quellen: https://www.rbb24.de/politik/beitrag/2024/06/brandenburg-zucker-softdrinks-oezdemir-ernaehrung.html / https://www.verbraucherzentrale.nrw/wissen/lebensmittel/gesund-ernaehren/zu-viel-zucker-in-erfrischungsgetraenken-39802 / https://www1.wdr.de/nachrichten/zuckersteuer-fragen-antworten-100.html
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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