Recklinghausen-Suderwich. Anlässlich der Neuauflage des Ratgebers “Behinderung und Teilhabe” von Autor Karl-Friedrich Ernst im Jahr 2021, für die Verbraucherzentrale, wurde ein Interview mit eben jenem geführt, welches noch einmal in den Fokus rückt, dass dieses Thema wirklich jeden angeht - sei man betroffen oder noch nicht.
Denkt man an Menschen mit Behinderung, tauchen vor unserem geistigen Auge oft Rollstuhlfahrer oder Blinde mit Armbande und Taststock auf. Doch das spiegelt die Realität nicht wider, so sind doch nur 3 Prozent der Behinderungen angeboren, der große Rest, also fast 90 Prozent werden durch Unfälle und/oder Erkrankungen verursacht. Und Erkrankungen wie Krebs, Schlaganfall, Herzinfarkt, Demenz, treten meist erst in der zweiten Lebenshälfte auf.
Es kann also jeden von uns treffen, denn statistisch gesehen, nehmen Behinderungen mit dem Alter überproportional zu. Und dass in unserer überalterten Gesellschaft ein großer Handlungsbedarf besteht und weiter steigen wird, macht Karl-Friedrich Ernst, Dezernent des Integrationsamtes des Kommunalverbandes für Jugend und Soziales in Baden-Württemberg, mehr als deutlich.
Es geht vornehmlich, so Ernst, um “Inklusion” statt um “Integration”, also nicht mehr nur um Menschen mit Einschränkungen einzugliedern, sondern in allen gesellschaftlichen Bereichen als vollwertige Bürger:innen selbstverständlich mit einzubeziehen, um Ausgrenzung im Vorhinein zu verhindern.
Ein wichtiger Schlüssel dazu ist der sogenannte “Nachteilsausgleich”, wie zum Beispiel Steuervorteile, Vergünstigung bei der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, vergünstigte Eintrittspreise oder mehr Urlaubstage. Oft wissen Betroffene aber gar nicht um diese Möglichkeiten und nutzen sie deshalb nicht. Deshalb sollte hier gezielter informiert werden, welche Rechte und zusätzliche Leistungen möglich sind und vor allem, wo sie beantragt werden können.
Zwar wurde in den vergangenen Jahren schon einiges unternommen, um die Leistungen transparenter zu machen, wie z.B. die gesetzlich verpflichtete Kooperation der verschiedenen Leistungsträger, aber trotzdem gibt es hier weiterhin noch “Luft nach oben”. Auch für Jugendliche und junge Erwachsene wurden Leistungen, wie “unterstützte Beschäftigung” und das “Budget für Arbeit” entwickelt, die es mehr jungen Menschen als bisher ermöglichen sollen, ihr Arbeitsleben außerhalb von Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, zu gestalten. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten werden auf sog. betrieblichen Erprobungsplätzen geprüft und ggf. weiterentwickelt, um einen möglichst optimalen Arbeitsplatz zu finden. Eine weitere Möglichkeit ist die Ausbildung in einem Berufsförderwerk oder eine berufsvorbereitende Maßnahme.
Zentral bei allen diesen Wegen ist, so Ernst, einen individuell passenden Lösungsansatz zu verfolgen.
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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