Recklinghausen-Suderwich. Wissenschaftliche Studien aus aller Welt belegen: Der Mangel an Geld und psychische Erkrankungen gehen häufig Hand in Hand einher. Menschen mit sehr knappen finanziellen Ressourcen haben statistisch gesehen ein erhöhtes Risiko, eine Angststörung oder eine Depression zu entwickeln – unabhängig davon, ob sie etwa in Korea, Österreich oder Chile wohnen.
In einer Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 wertete ein Team um Matthew Ridley vom Massachusetts Institute of Technology die bis dahin veröffentlichten Untersuchungen zum Auftreten psychischer Erkrankungen in verschiedenen Altersgruppen aus und legten den Fokus dabei auf Angststörungen und Depressionen. (Ridley, M. et al.: Poverty, depression, and anxiety: Casual evidence and mechanisms. Science 370, 2020)
Bemerkenswert: Diese beiden Erkrankungen traten laut der Analyse bei Personen mit niedrigem Einkommen eineinhalb bis dreimal häufiger auf als bei Personen mit hohem Einkommen. Gehäuft traten in der Gruppe mit niedrigem Einkommen etwa auch Schizophrenie oder der Tod durch Suizid auf.
Auch in Deutschland gibt es ähnliche Befunde. So erhob das Robert Koch-Institut zwischen 2008 und 2011 für eine entsprechende Studie Daten von 8152 Personen. Hier konnte festgestellt werden, dass Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus (gemessen hier nicht nur am Einkommen, sondern auch an der Bildung und dem Beruf) deutlich häufiger an einer psychischen Erkrankung litten als solche mit einem höheren Sozialstatus. Die häufigsten Diagnosen waren Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen. Eine jüngere Untersuchung des gleichen Instituts aus dem Jahr 2019 bestätigte diesen Befund.
Demgemäß sprechen viele Studien inzwischen dafür, dass Armut krank macht – allerdings mit einer gewissen Einschränkung: Eine direkte Kausalität lässt sich hier nicht ableiten. Was Ursache und was Wirkung ist, ist nicht trennscharf zu ermitteln. Es ist nämlich auch denkbar, dass psychische Erkrankungen Armut verursachen. Vermutlich trifft beides zu, wobei mehr für die Ausgangsthese spricht.
So konnten Fachleute während der Finanzkrise 2007/2008 einen Anstieg psychischer Erkrankungen, vor allem Depressionen, verzeichnen. Gleiches konnte bereits während der Weltwirtschaftskrise 1929 festgestellt werden, so dass zu befürchten ist, dass ganz aktuell auch die Covid-19-Pandemie, die Klimakrise oder auch der Krieg in der Ukraine für ähnliche Effekte sorgen könnte. Klar ist also: Armut und psychische Erkrankungen bedingen sich gegenseitig.
Statistisch gesehen gilt in Deutschland gut jede sechste Person als armutsgefährdet. Besonders hohe Risiken haben hier Arbeitslose, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, Personen mit niedriger Qualifikation und Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit (Tendenz in der Aufzählung absteigend). Was dabei krank macht, ist in erster Linie chronischer Stress – Stress durch dauerhaften Mangel an Geld.
Häufige Folge dabei: Flucht in die Entlastung oder Ablenkung durch ungesundes Verhalten, wie der Genuss von Fastfood, erhöhtem Zigarettenkonsum oder der Griff zum Alkohol.
Hinzu kommen in dieser Abwärtsspirale dann auch noch Ausgrenzung, Stigmatisierung, Scham – auch davor, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hierdurch wird eine Erkrankung noch weiter verstärkt und chronifiziert und wesentlich seltener psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen, weil eine psychische Störung bei der Selbstreflektion erst gar nicht erkannt wird oder eine Therapie mangels Zeitmanagement oder Geld nicht gesucht wird.
Ein weiterer negativer Aspekt ist, dass Familienangehörige durch die widrigen Lebensumstände und erkrankte Betroffene im häuslichen Umfeld mit in diese Spirale gesogen werden. Kinder haben es hier besonders schwer, da sich hier beispielsweise die materielle Armut in Minderwertigkeitsgefühlen und Bildungsarmut niederschlägt. Kinder aus Familien mit niedrigem sozialem Status tragen hier ein drei- bis viermal so hohes Risiko, gleiche Probleme zu entwickeln wie ein Elternteil oder gar beide.
Armut und psychische Störungen stellen also einen Teufelskreis dar, der nicht einfach zu durchbrechen ist.
Natürlich: Naheliegend ist hier immer die monetäre Unterstützung zur Armutsbekämpfung. Nicht von ungefähr wird daher schon lange eine Debatte über ein bedingungsloses Grundeinkommen geführt. Aber das allein dürfte nicht ausreichen. Wichtig ist daneben immer auch etwa der Zugang zu Bildung sowie medizinischen Leistungen, Programme zur Tabak-, Alkohol- und Drogenprävention, eine Verbesserung der gesundheitsrelevanten Lebensbedingungen oder auch Förderprogramme zur Stärkung des Selbstwertgefühls von Kindern.
Zudem ist nicht aus dem Auge zu verlieren, dass auch niederschwellige Angebote zur Psychotherapie oder psychosoziale Unterstützung einen hohen Wert haben.
Abschließend zu betonen ist, dass Armut und die daraus resultierenden Nöte regelmäßig nicht selbst verschuldet sind, sondern Ausfluss einer strukturellen Benachteiligung sind. Anmaßend wäre daher die Erwartung, dass Menschen, die mit Armut und psychischen Problemen zu kämpfen haben, sich hieraus selbst herausarbeiten können oder sogar sollen. Hier ist die Solidargemeinschaft der Gesellschaft und zuvörderst die Politik gefragt.
Dem Vorstand des SBW ist diese Problematik sehr bewusst. Im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten wird der Verein jedoch – vornehmlich in ideeller Hinsicht – auch weiterhin gezielt Unterstützung und Hilfe anbieten, etwa durch die professionelle Schuldnerberatung oder die individuelle Beratung in prekären Lebenssituationen. Auch die vielfältigen redaktionellen Beiträge bieten verschiedenste Bausteine zum Alltagsmanagement an.
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