Recklinghausen-Suderwich. Fleischfabriken – wer hat nicht davon gelesen und Dokus gesehen? Hier geht’s nicht um die Zerlegeindustrie, vielmehr um Aufzucht der Tiere und um unsere Gesundheit. Für eine bessere Haltung ist mancher bereit, mehr für Fleisch und Wurst zu zahlen.
.Information, Werbung, Labels und Siegel sollen dir helfen herauszufinden, ob du für den höheren Preis tatsächlich das Gewünschte bekommst. Nicht immer einfach, meint Wolfgang Wegener, der sich mit dem Thema beschäftigt – angeregt durch einen Artikel der Verbraucherzentrale.
Auch wenn man hört, dass sich VerbraucherInnen für dieses Thema artgerechter Aufzucht zunehmend interessieren: der Marktanteil von extensiv erzeugtem Rindfleisch in Deutschland liegt bei weniger als fünf Prozent, bei Schweine- und Geflügelfleisch sogar unter einem Prozent. Sind die Kundenaussagen also nur Lippenbekenntnisse?
Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) meint, dass die Verbraucher immer qualitätsbewusster werden. Im Jahr 2016 erklärten 53 Prozent der Teilnehmer an einer Umfrage, "vor allem auf die Qualität" zu schauen; 49 Orozent achten "vor allem auf den Preis". Dennoch: in Deutschland wird das weitaus meiste Fleisch über die Discounter verkauft, also Aldi, Lidl, Netto & Co. Und findest du da mehr als 50 Prozent der Angebote aus der „Stufe 4“, also Bio oder Premiumqualität? Nein, bei weitem nicht. Vor allem nicht an der Menge der Angebote gemessen.
Ist die Kundschaft sich sicher bei der Bewertung der Fleischauszeichnung in Bezug auf die Haltungsformen? Wenn nicht, greift sie dann leichter zu den preiswerteren Angeboten? Teilweise ist ja schon ein geändertes Verhalten zu erkennen, z.B. wenn es um Bioprodukte, Produkten aus fairem Handel, regionalen Lebensmitteln, Eiern von Bruderhahninitiativen und aus alternativen Haltungsformen geht. Seit es die Herkunftsangaben bei Eiern gibt, sind inzwischen „Käfig-Eier“ aus den Regalen der Discounter verschwunden – obwohl Eier aus Boden- und Freilandhaltung sowie ökologischer Erzeugung deutlich teurer sind.
Zu der Irritation der Kundschaft hat sicher beigetragen, dass zahlreiche, immer wieder neue Labels Fleisch besserer Prozessqualität schwer erkennbar machten. Bereits 2017 hatte der Bundeslandwirtschaftsminister ein mehrstufiges staatliches Tierwohllabel angekündigt. Das sollte freiwillig sein, blieb aber unter den Anforderungen der Verbraucherverbände.
Die derzeitige Fachministerin Julia Klöckner hat eine verlässliche und einfache Orientierung zugesagt. VerbraucherInnen sollen verstehen, warum ein Produkt das Siegel trägt und höhere Preise gerechtfertigt sind. Und dann findet unter dem ‚Initiative Tierwohl‘-Siegel das Angebote „Hähnchenschenkel für 1,50 Euro je Kilogramm“. Kann das sein?
Wohl kaum! Die Verbände der Land- und Fleischwirtschaft, des Einzelhandels versuchen, die Kriterien für das staatliche Label auf einem möglichst niedrigen Niveau zu halten. Damit beschädigen sie die Glaubwürdigkeit des staatlichen Labels. Welche Kriterien dem neuen Label schließlich zugrunde liegen werden, steht leider noch nicht fest. Die Verbraucherzentralen fordern, neben den Tierhaltungskriterien auch gleichrangig Kriterien für die Tiergesundheit zu berücksichtigen und sich damit von den neuen Haltungslabels des Handels klar abzugrenzen.
Der Discounter Lidl kennzeichnete als Erster seinen vierstufigen "Haltungskompass" bei den Frischfleischeigenmarken von Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch (Huhn und Pute).
Stufe 1 "Stallhaltung" steht für die Einhaltung der gesetzlichen Mindestanforderungen, Stufe 2 "Stallhaltung Plus" für ein leicht erhöhtes Platzangebot für die Tiere (plus zehn Prozent) im Stall und zusätzliches Beschäftigungsmaterial. Diese Stufe entspricht bei Geflügel und Schwein den Mindestanforderungen der "Initiative Tierwohl" (ITW), einem Zusammenschluss von Land- und Fleischwirtschaft und Teilen des Lebensmitteleinzelhandels.
Die ITW kann diese Auszeichnung bisher nur für unverarbeitetes Geflügelfleisch zusichern. Da das mit dem Stufe-2-Haltungskompass gekennzeichnete Fleisch nachweislich aus Betrieben stammen muss, die die Kriterien erfüllen, gibt es zunächst in dieser Stufe nur unverarbeitetes Hähnchen- und Putenfleisch der Eigenmarken. Ab Oktober 2018 will die ITW die Zusicherung auf bearbeitetes frisches Geflügelfleisch erweitern und bis 2021 musste sie auch an der Zusicherung bei Schweinefleisch arbeiten, da das Bundeskartellamt die derzeitige Kennzeichnung bemängelte und nur übergangsweise bis 2020 duldete.
Bei der Lidl-Stufe 3 "Außenklima" haben die Tiere noch mehr Platz als in Stufe 2 gehabt. (Entspricht bei Hühnern der Einstiegstufe des Tierschutzlabels (TSL) des Deutschen Tierschutzbunds.) Alle Tiere müssen zudem Kontakt mit Außenklima haben – mindestens einen Offenfrontstall – und gentechnikfrei gefüttert werden. Da das Tierschutzlabel in der Einstiegsstufe für Schweine und Rinder bis auf den Außenklimakontakt alle Anforderungen der Stufe 3 erfüllt, wurde für dieses Fleisch eine zusätzliche Kategorie des Stufe-3-Haltungskompasses geschaffen: Stufe 3 "Tierwohl Plus".
Die Stufe 4 "Bio" basiert auf der EU-Ökoverordnung. Allerdings gibt es auch in dieser Stufe eine Variante: Stufe 4 "Premium" – wieder für die Kriterien des Tierschutzlabels, diesmal aber in der Premiumstufe, wenn die Labelbetriebe nicht biozertifiziert sind.
Insgesamt ist die Kennzeichnung des Haltungskompasses erklärungsbedürftig. Wer weiß schon, was z. B. "Außenklima" konkret bedeutet, ob nun Stufe 3 "Außenklima" oder Stufe 3 "Tierwohl-Plus" mehr Tierschutz beinhaltet oder ob in Stufe 4 "Bio" oder "Premium" besser ist. Doch eine Erklärung findet man im Laden nicht. Und selbst wer sich die Mühe macht, im Internet die Kriterien zu studieren, wird Verständnisprobleme haben, wenn nicht gewisse Kenntnisse der Nutztierhaltung vorhanden sind. Aus Verbrauchersicht ist zwar eine Tierhaltungskennzeichnung zu begrüßen, da Produkte mit mehr Tierwohl gekennzeichnet und für Verbraucher erkennbar werden. Das Ziel einer verbrauchergerechten Kennzeichnung wurde aber von Lidl und den anderen vier Einzelhändlern klar verfehlt.
Insgesamt bildet das aktuelle Fleischangebot bei Lidl den vierstufigen Haltungskompass in den Regalen kaum ab, d. h. überwiegend finden sich nur Fleischprodukte aus den beiden niedrigsten Stufen in den Kühltheken. Wenn Verbraucher die anderen Stufen kaum oder gar nicht finden können, ist die Legitimität einer solchen Kennzeichnung infrage gestellt.
Die Haltungskennzeichnungen der anderen Händler sind der Lidl-Kennzeichnung sowohl sprachlich als auch inhaltlich sehr ähnlich, was Absprachen vermuten lässt. Zumal alle Handelskonzerne, die eigene Kennzeichnungssysteme am Markt einführen, an der "Initiative Tierwohl" beteiligt sind und diese finanzieren. Auch die Supermarktkette Rewe – und voraussichtlich auch Edeka – wollten mit sämtlichen SB-Eigenmarken für Frischfleisch und Geflügel an den Bedientheken nachziehen.
Aus Verbrauchersicht sind unternehmenseigene Labels eine schlechte Lösung; auch, weil sich die Frage nach unabhängiger Prüfung und Kontrolle stellt. Und mit jedem weiteren Siegel wird der ohnehin schon verwirrende Label-Dschungel undurchsichtiger. Es bleibt zu hoffen, dass mit der staatlichen Tierwohlkennzeichnung der Wildwuchs der Labels bereinigt wird. Ein einheitliches, mehrstufiges staatliches Label mit hohen Standards für Tierschutz und Tiergesundheit ist notwendiger denn je, um den Verbrauchern Orientierung und Verlässlichkeit beim Einkauf von Fleisch zu geben.
Leider musste die Tagesschau am 10.. Juni berichten: „Das staatliche Tierwohllabel war ein Prestigeprojekt von Landwirtschaftsministerin Klöckner. Nun steht es vor dem Aus - zumindest in dieser Legislaturperiode. Es findet im Bundestag keine Mehrheit.“ Sehr schade!
© Gruppe Sozial- und Bildungswerk
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